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Beantwortet
Autor Frank Wendler am 19. April 2010
7775 Leser · 29 Stimmen (-2 / +27) · 0 Kommentare

Finanzmarktstabilität & Bankenaufsicht

Der am besten organisierte Finanzschwindel aller Zeiten !?

Sehr geehrtes Direktorium der Österreichischen Nationalbank,

der sehr berühmte und fachkundige deutsche Prof. Dr. Wilhelm Hankel gibt auf seiner Internetseite einen Einblick über „den am besten organisierten Finanzschwindel aller Zeiten“.

http://www.dr-hankel.de/prof-hankel-uber-die-gefahren-der...

1. Wie bewertet die OENB diese doch sicher wahren Fakten, oder hat die OENB darauf eine andere Antwort?

2. Teilt die OENB die Forderungen von Prof.Dr.W.Hankel damit die Folgen dieser extremen Finanzkrise eingedämmt werden und die „Hochfinanz“ nie wieder so einen Finanzschwindel organisieren kann (siehe auch heute wieder die Berichte über die skandalösen Betrügereien von Goldmann Sachs in den USA)?

3. Ist die OENB bzw. die EZB am Ende vielleicht doch "machtlos" gegen die "Hochfinanz", besonders aus den USA ? Das wäre dann doch in der Tat äußerst beunruhigend.

Ich freue mich über Ihre Antwort und verbleibe
mit freundlichen Grüßen

F.Wendler
aus Salzburg

+25

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Antwort
von Univ.-Prof. Dr. Ewald Nowotny am 21. Mai 2010
Univ.-Prof. Dr. Ewald  Nowotny

Sehr geehrter Herr Wendler!

Grundsätzlich ist in der Ökonomie – wie auch in allen anderen Sozialwissenschaften – die Interpretation von Fakten nicht immer eindeutig. In dem von Ihnen angeführten Interview werden Fakten auf eine Art und Weise interpretiert, der ich mich in dieser Form nicht anschließen kann. Denn auch wenn ich nicht bestreite, dass Finanzinstitute und deren Praktiken wesentliche Ursachen der Krise waren, so würde ich dennoch eine Krisenerklärung, die auschließlich auf die „Hochfinanz“ abstellt, zurückweisen. Denn den Hintergrund der Krise bildeten globale makroökonomische Ungleichgewichte, insbesondere die Überschüsse der aufstrebenden Volkswirtschaften bei gleichzeitiger defizitärer Leistungsbilanz in den USA, die zu einem massiven Zustrom von renditesuchendem Kapital führten.

In diesem Kontext kam es zu den Innovationen im Finanzsektor, wie etwa der Verbriefung von Krediten und der Entwicklung neuer derivativer Papiere, die nur unzureichend reguliert wurden. Gefährlich wurde die Situation als der U.S.-amerikanische Immobilienmarkt einbrach und es zu einem massiven Vertrauensverlust kam, der sich überproportional negativ auf die Marktwerte aller Verbriefungen und komplexer Finanzprodukte auswirkte.

Die in der Folge durchgeführten Neubewertungen, die das Eigenkapital der Kreditinstitute aufzehrten, waren notwendig, weil der Markt das Vertrauen in die Papiere verloren hatte, was aber nicht bedeutet, dass diese alle plötzlich völlig wertlos wurden. Vielmehr ist zu erwarten, dass sich für diese „toxischen“ Papiere mittelfristig wieder Preise bilden werden.

Was die angebliche Verselbstständigung der Kreditinstitute auf dem Interbankenmarkt betrifft, so können Banken selbstverständlich nur mit ihren vorhandenen Mitteln auf diesem Markt agieren. Sie können dort nicht losgelöst von der Zentralbank Geld schaffen, sondern sind in ihrem Geldsschöpfungsprozess z.B. durch den Mindestreservesatz und den Umfang an Liquiditätsbereitstellungen durch die Zentralbank sowie den regulatorischen Vorgaben (z.B. Eigenkapitalvorschriften) beschränkt. Der Interbankenmarkt erfüllt eine wichtige Funktion, weil die Banken dort Liquidität umverteilen können, d.h. Banken mit Überschussliquidität verborgen diese an Banken mit Liquiditätsbedarf.

Als im Zuge der Krise diese Märkte jedoch austrockneten, weil die Banken ihr Vertrauen zueinander verloren hatten, konnte nur durch Interventionen der Zentralbanken die Liquiditätsbereitstellung aufrecht erhalten werden. Der Patient wurde sozusagen an den Tropf genommen und bekam eine Infusion.

Diese Maßnahmen, die zur Krisenbewältigung getroffen wurden, waren absolut notwendig und haben dazu beigetragen, dass keine Weltwirtschaftskrise, wie wir sie aus dem vorigen Jahrhundert kennen, eingetreten ist. Hätte Keynes diese Krise miterlebt, so wäre auch er meines Erachtens für diese Stabilisierungsmaßnahmen eingetreten, da er sich immer über die Bedeutung des Finanzsektors klar war.

Die Mittel, die für diese Stabilisierung eingesetzt wurden können auch nicht als Keynes’sche Spekulationskasse verstanden werden und anschließend mit dem Geldmengenaggregat M3 gleichgesetzt werden, wie Professor Hankel andeutet. Denn die Geldmengenaggregate M1, M2 und M3 beziehen sich auf die Fristigkeit von Geld und nicht auf die von Keynes geprägte Unterscheidung der Motive zur Haltung liquider Mittel, also primär Bargeld.

Menschen halten ihr Geld flüssig, weil sie es als Tauschmittel für die Abwicklung ihrer Geschäfte benötigen (Transaktionsmotiv), weil sie aus Unsicherheit über mögliche unvorhergesehene Ereignisse Geld halten (Vorsichtsmotiv) und weil sie aus spekulativen Gründen nicht veranlagen. Diese so genannte Spekulationskasse wird zum Beispiel in Erwartung fallender Wertpapierkurse gehalten, um das Geld erst in der Zukunft zu veranlagen. Dabei wird allerdings während dieser Zeit auf mögliche Zinserträge verzichtet. Die Keynes’sche Spekulationskasse bezeichnet somit also jene liquiden Mittel, die nicht(!) veranlagt werden. Spekulation im alltagssprachlichen Verständnis wäre allerdings genau das Gegenteil: eine Veranlagung, um möglichst hohe Gewinne zu erzielen.

Ebenso möchte ich auch noch zu bedenken geben, dass die Grenze zwischen Spekulation und Investition fließend ist, denn beide werden in der Hoffnung auf möglichst hohe Erträge getätigt. Das Vermögen fließt dorthin, wo die höheren Renditen erwartet werden – also je nachdem entweder in den Finanz- oder in Realsektor. Die landläufig als „spekulative Wertpapiere“ bezeichneten Derivate wurden nicht zu Spekulationszwecken erfunden, sondern um reale Geschäfte gegen Risiken wie etwa Wechselkurschwankungen abzusichern. In dieser Funktion haben sie auch noch heute ihre Berechtigung.

Allerdings kann in derivative Papiere auch ohne ein solches zugrundeliegendes reales Geschäft investiert werden. Dies hat teilweise zu einer Gefährdung der Stabilität auf den Finanzmärkten geführt. So spielten die Geschäfte mit Credit Default Swaps (CDS) – also die Versicherungen gegen Zahlungsausfall – eine wesentliche Rolle für die Probleme Griechenlands. Anlegerinnen und Anleger können mit diesen auf eine Pleite Griechenlands wetten – das ist in etwa so, als würden Sie darauf wetten, dass das Haus ihres Nachbarn abbrennt. Hier sind ganz klar strengere Regulierungen erforderlich, da solche Geschäfte extrem gefährlich sein können.

Das ist auch das, was aus der Krise gelernt wurde: besonderes Augenmerk ist auf den regulatorischen Rahmen und die Bankenaufsicht zu legen, auch auf internationaler Ebene. Eine grundsätzlich geänderte Haltung ist vor allem in Hinblick auf die Risikobewertung spezieller Finanzprodukte einzufordern, die in Form einer höheren Eigenkapitalunterlegung ausgestaltet sein könnte. Daran wird gegenwärtig bereits – unter Berücksichtigung der Vorgaben der G 20 – unter der Leitung des Basler Ausschusses für Bankenaufsicht und der EU-Kommission intensiv gearbeitet.

Eine höhere Eigenkapitaldeckung würde dazu beitragen, dass weniger Kapital als „Spielgeld“ für Spekulationen zur Verfügung stünde, wodurch die Gefahr von Blasenbildungen minimiert würde. Gleichzeitig ist zu anzumerken, dass sich dies aber auch auf die Kreditvergabe der Banken auswirken könnte. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass ein Mehr an Stabilität und Sicherheit nicht gratis ist, sondern einen Preis hat.

Auch soll EU-weit die grenzüberschreitende Zusammenarbeit der Aufsichtsbehörden ausgebaut werden. Die Harmonisierung des Rechtsrahmens und die Entwicklung einheitlicher Aufsichtspraktiken müssen parallel dazu vorangetrieben werden.

Längerfristig sollte im Rahmen des Europäischen Systems der Zentralbanken (ESZB) ein dezentrales europäisches Bankenaufsichtssystem errichtet werden. Grenzüberschreitend tätige Finanzunternehmen sollen gemeinsam von Heimat- und Gastlandaufsehern überwacht werden, die sich zu so genannten Colleges zusammentun – eine Einrichtung, die es bereits gibt, die in Zukunft aber als Plattform für Treffen und für die Erarbeitung von Aufsichtsentscheidungen gestärkt werden sollen.

Auch ich sehe es als unumgänglich an, dass es im Bereich der internationalen Finanzmarktregulierung zu einer entsprechend raschen Umsetzung konkreter Maßnahmen kommt. Es ist aber zu bedenken, dass diese Koordinierung nur in den entsprechenden internationalen politischen Gremien, also zum Beispiel auf EU-Ebene, erfolgen kann. Da sich dort naturgemäß unterschiedliche Interessen finden, ist der Abstimmungsprozess zeitaufwendig. Aber auch ich hoffe, dass demnächst die im EU-Parlament eingebrachten Vorschläge hinsichtlich einer europaweiten Aufsicht beschlossen werden.

Es muss an dieser Stelle auch erwähnt werden, dass es international natürlich auch ein starkes Lobbying gibt und die Politik daher den entsprechenden Gestaltungswillen für nachhaltige Maßnahmen aufbringen muss.

Das Eurosystem und damit auch die Oesterreichische Nationalbank (OeNB) verfolgt mit aller Entschlossenheit das prioritäre Ziel, Preisstabilität zu sichern. Darüber hinaus tragen wir mit aller Kraft zu stabilen und sicheren Finanzmärkte bei, um die Gefahr einer Wiederholung der jetzigen Krise zu minimieren.

Abschließend möchte ich noch einmal betonen, dass es mir als Gouverneur der Oesterreichischen Nationalbank nicht möglich ist, direkt in die Gesetzgebung zur Banken- und Finanzaufsicht einzugreifen. In meiner Funktion kann ich aber im Sinne eines nachhaltigen moralischen Appells, also einer Moral Suasion, zur Eile und Vorsicht mahnen und konstruktive Vorschläge einbringen, wie eine internationale Regulierung und Aufsicht zu gestalten wären.

Ich habe dies in der Vergangenheit bereits getan und werde auch in Zukunft alles in meiner Macht stehende tun, um diesen so wichtigen Prozess voranzutreiben.

Mit freundlichen Grüßen
Ihr
Ewald Nowotny