Diese Plattform ist ab 12. November 2012 inaktiv. Die Abstimmung für Beiträge ist geschlossen. Bereits veröffentlichte bzw. beantwortete Beiträge stehen jedoch auch weiterhin zur Information zur Verfügung.

Beantwortet
Autor M. Junghans am 30. April 2010
8726 Leser · 26 Stimmen (-1 / +25) · 0 Kommentare

Geldpolitik, Zinsen, Inflation

Exponentielles Wirtschaftswachstum

Sehr geehrtes Team der Nationalbank!

Gängige ökonomische Modelle (Neoklassik) gehen von der Notwendigkeit einer permanenten Inflation aus. Damit dieses Modell funktioniert, muss auch die Wirtschaft exponentiell wachsen, weil nur so exponentiell wachsende Zinslasten bedient werden können.

Exponentielles Wachstum kommt aber in der Natur nirgends vor. Tumore wachsen exponentiell - jedoch nur solange, bis der Wirtskörper tot ist. Danach sterben auch die Tumorzellen.

Gibt es eine logische Erklärung innerhalb ökonomischer Modelle, wie exponentielles Wachstum in der Wirtschaft funktionieren kann? Oder sind Krisen system-immanent, um die Wirtschaft wieder zu schrumpfen und das Wachstumsspiel erneut beginnen zu können?

Mit freundlichen Grüßen!
M. J. J.

+24

Über diesen Beitrag kann nicht mehr abgestimmt werden, da er bereits beantwortet wurde.

Antwort
von Univ.-Prof. Dr. Ewald Nowotny am 22. Juni 2010
Univ.-Prof. Dr. Ewald  Nowotny

Sehr geehrter Herr Junghans!

Ökonomische Wachstumsmodelle – gleichgültig ob sie nun auf neoklassischen Ideen basieren oder anderen ökonomischen Theorien folgen – müssen zwei Grundprinzipien gehorchen. Erstens muss ihr theoretisches Fundament in sich konsistent sein. Dabei ist es aus Gründen der Transparenz wichtig, die zentralen – dem Modell zugrunde liegenden – Annahmen klar herauszuarbeiten, um eine kritische Auseinandersetzung mit diesen zu ermöglichen. Zweitens muss ein Wachstumsmodell in der Lage sein, in der Vergangenheit zu beobachtende Entwicklungen nachzubilden, diese zu erklären und zwar unabhängig von dem zugrunde liegenden ökonomischen Paradigma. Rund um diese Wachstumspfade kommt es allerdings – wie uns auch die Wirtschaftsgeschichte zeigt – immer wieder zu massiven Schwankungen, also zu Phasen exzessiven Wachstums oder eben auch tiefer Rezession wie wir sie gerade jetzt in der aktuellen Krise erleben.

Angesichts des Ausmaßes der aktuellen Krise ist Ihre Sorge, ob Krisen systemimmanent, d.h. ob starke, unregelmäßige Schwankungen um einen exponentiellen Wachstumspfad systemimmanent sind, nur zu verständlich und berechtigt. Lassen Sie mich dazu einige Überlegungen anstellen:

Die Geschichte lehrt uns, dass Wirtschaftskrisen immer wieder auftreten können (z.B. 1870er, 1930er, 1970er Jahre, 2001 und 2008). Insofern kann man davon ausgehen, dass Krisen systemimmanent sind. Auch wenn das wirtschaftliche System zur Krise tendiert, so hat es aber dank der innovativen Fähigkeiten des Menschen auch in Zukunft Entwicklungspotenzial. Der österreichische Ökonom Josef Schumpeter hat in Anlehnung an seinen russischen Kollegen Nikolai Kondratieff die wichtige Rolle der Innovationen für den langen Konjunkturzyklus hervorgehoben. Demnach sind Basisinnovationen für eine Umwälzung in der Produktion und Organisation verantwortlich und bilden somit den Ausgangspunkt für eine neue Welle wirtschaftlicher Prosperität.

Die gegenwärtige Krise hat uns aber auch gelehrt, dass sich zukünftige Entwicklungen in der Ökonomie nicht immer prognostizieren lassen und Ursachen und Wirkungen von beobachtbaren ökonomischen Phänomenen oft nicht vorherzusehen sind. Auch sind in der Realität nicht alle ökonomischen Handlungen rational, sodass sich Modellwelt und Realität unterscheiden können. Diese Schwierigkeit zeigt sich nicht zuletzt am wissenschaftstheoretischen und methodischen Wettstreit einer Vielzahl von ökonomischen Theorien, die teilweise auch zu widersprüchlichen Ergebnissen in der Beurteilung gleicher Sachverhalte kommen.

Klar ist aber, dass jede Krise Anlass sein muss, die bisherigen Gewohnheiten und Verhaltensmuster einer kritischen Überprüfung zu unterziehen und gegebenenfalls notwendige Veränderungen durchzusetzen. So hat uns etwa die Krise der 1930er Jahre gelehrt, dass der Staat in wirtschaftlich instabilen Zeiten stabilisierend eingreifen kann und muss. Die Fehler der 1930er Jahre wurden daher im Laufe der gegenwärtigen Krise nicht wiederholt. Durch gezielte wirtschafts- und geldpolitische Eingriffe konnten die Wirkungen der Krise auf Wachstum und Beschäftigung eingedämmt werden.

Die gegenwärtige Krise hat ihren Ausgangspunkt in Fehlentwicklungen auf den Finanzmärkten. Wie bei vergangenen Finanzkrisen greifen diese rasch auf die Realwirtschaft über – insbesondere in einer globalisierten Welt geht dies mit sehr großer Geschwindigkeit vor sich. Es folgt eine Rezession mit den entsprechenden Auswirkungen auf Wachstum und Beschäftigung. Greift der Staat dann stabilisierend ein, so droht – wie gegenwärtig – eine Krise der öffentlichen Haushalte. Es müssen daher neue und erweiterte Regulierungsformen für die Finanzmärkte erarbeitet werden, welche die Tendenz zur Krise a priori verringern. Ebenso ist es von enormer Wichtigkeit, dass Staaten in wirtschaftlichen Wachstumsphasen entsprechende fiskalische Spielräume schaffen, um in der Krise die notwendigen Stabilisierungsmaßnahmen setzen zu können. Und es muss statistischen Daten innerhalb des Euroraums mehr Gewicht zukommen, damit negative Entwicklungen (etwa im Bereich der Haushaltsdisziplin) bereits frühzeitig erkannt werden können.

Wenn man auch davon ausgehen muss, dass Krisen systemimmanent sind und daher immer wieder auftreten können, so können und müssen alle erforderlichen Maßnahmen gesetzt werden, um die Eintrittswahrscheinlichkeit von Krisen möglichst niedrig zu halten und mögliche Auswirkungen zu begrenzen.

Mit freundlichen Grüßen

Ewald Nowotny