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Beantwortet
Autor Peter Müller am 15. März 2010
10499 Leser · 30 Stimmen (-0 / +30) · 0 Kommentare

Sonstige

Kredit, Geldschöpfung, EZB

Sehr geehrtes Gremium der Nationalbank,
ich habe einige Fragen, die unterschiedlicher Natur sind:
- schöpfen die Nationalbanken oder die EZB neues Geld? Wenn erstere, wie die Buchstaben X, N, T, ... vermuten lassen, wer legt die Menge fest? Wenn zweitere, wäre die Geldmengenausweitung ungleich zwischen den Staaten.
- wie funktioniert das Abschöpfen von Geld aus dem Markt?
- wie sieht der exakte Warenkorb in Österreich aus? Für mich leider nicht auffindbar.
- wie setzen sich die Reserven der österr. Nationalbank zusammen (in %: US$, Gold, andere Währungen, Sonstiges)
- wenn Staaten in der EU Geld aufnehmen wollen, tun sie dies bei der EZB, den Nationalbanken oder Geschäftsbanken?
- durch welche Reserven oder sonstige Beteiligung ist die österr. Nationalbank bei der EZB vertreten und mit welchen Beträgen (Gold, Staatsanleihen, ...)?

Herzlichen Dank für die Beantwortung dieser Fragen im voraus.

Peter Müller

+30

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Antwort
von Univ.-Prof. Dr. Ewald Nowotny am 07. Mai 2010
Univ.-Prof. Dr. Ewald  Nowotny

Sehr geehrter Herr Müller!

Zunächst zu Ihrer Frage betreffend die Geldschöpfung. Vereinfacht gesagt bezeichnet man die Vermehrung der Geldmenge durch das Bankensystem, d.h. die Schaffung zusätzlichen Geldes, als Geldschöpfung. Unter „Geldmenge“ wird dabei im Übrigen nicht nur das im Umlauf befindliche Bargeld (Banknoten und Münzen) verstanden. Im Eurosystem wird zwischen den drei Geldmengenaggregaten M1, M2 und M3 unterschieden, wobei M3 das am weitesten gefasste Aggregat ist. Es umfasst neben den Aggregaten M1 (Bargeld und täglich fällige Einlagen) und M2 (kurzfristige Spar- und Termineinlagen) auch noch marktfähige Finanzinstrumente (beispielsweise Geldmarktfondsanteile).

Träger der Geldschöpfung ist das Bankensystem, es besteht aus der Zentralbank sowie den Geschäftsbanken einer Volkswirtschaft. Man unterscheidet dementsprechend zwischen Zentralbankgeldschöpfung und Giralgeldschöpfung. Wobei der ursprüngliche Impuls zur Geldschöpfung von der Zentralbank ausgeht, die darauf das Monopol besitzt. Das Zentralbankgeld bildet die Basis der Giralgeldschöpfung durch den Bankensektor. Die Refinanzierung des Bankensystems erfolgt in erster Linie durch Offenmarktgeschäfte. Für den Euroraum ist hier primär das sogenannte Hauptrefinanzierungsgeschäft (das ist ein regelmäßiges Offenmarktgeschäft des Eurosystems zur Bereitstellung von Geldmitteln bzw. Liquidität), das mit Hilfe von Tenderoperationen durchgeführt wird, als wichtigstes geldpolitisches Instrument zu nennen. Über Hauptrefinanzierungsgeschäfte wird dem Bankensystem im Normalfall der Großteil der benötigten Liquidität bereitgestellt. Im Zuge der gegenwärtigen Wirtschaftskrise wurden zusätzlich sogenannte unkonventionelle geldpolitische Maßnahmen eingesetzt, um im Umfeld historisch niedriger Zinssätze zusätzliche geldpolitische Stimuli zu setzen.

Bei normalen Tendergeschäften, im Rahmen derer Darlehen gegen Hinterlegung von Sicherheiten an Banken vergeben werden, erfolgt das Abschöpfen der bereitgestellten Liquidität automatisch. Denn sobald die Frist eines gewährten Darlehens abläuft, muss das Darlehen an die Zentralbank zurückgezahlt werden. Im Rahmen der sogenannten unkonventionellen geldpolitischen Maßnahmen können den Banken auch Wertpapiere abgekauft werden, was allerdings im Euroraum nur in einem äußerst geringen Ausmaß der Fall war. In diesem Fall müssen diese Wertpapiere wieder verkauft werden, um das Geld abzuschöpfen. Ein Ausstieg aus solchen Programmen kann in der gegenwärtigen wirtschaftlichen Lage jedoch nur langsam und graduell erfolgen, um die ersten Anzeichen einer Erholung nicht zu gefährden.

Um Ihre Frage nach der Zusammensetzung des österreichischen Warenkorbs zu beantworten, muss ich zunächst etwas ausholen. Der Erfolg der Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) wird am Harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI) gemessen. Oberstes Ziel der EZB ist die mittelfristige Sicherung von Preisstabilität. Preisstabilität wird dabei als eine Inflationsrate des HVPI von unter, aber nahe bei 2 Prozent definiert. 59,1% des HVPI entfallen auf Konsumausgaben für Waren, die übrigen 40,9% auf konsumierte Dienstleistungen. Durch Aufschlüsselung der einzelnen Komponenten des HVPI können die wirtschaftlichen Faktoren herausgearbeitet werden, die Auswirkungen auf die Entwicklung der Verbraucherpreise haben. Durch die Harmonisierung und durch statistische Verbesserungen wurde der HVPI zu einem qualitativ hochwertigen Preisindex von internationalem Standard, der länderübergreifende Vergleiche ermöglicht. Um die hohe Qualität des HVPI auch weiterhin zu sichern, wird der Index laufend verbessert. Eine detaillierte Aufschlüsselung der im HVPI enthaltenen Waren und Dienstleistungen sowie deren Gewichtung finden sich auf der Webseite der Statistik Austria:
www.statistik.gv.at/web_de/statistiken/preise/verbraucher...

Nun zu den Reserven. Im März 2010 betrugen die offiziellen Währungsreserven der Republik Österreich 13,413 Mrd. Euro (annähernd Marktwert). Circa 7,4 Mrd. entfielen dabei auf Gold (einschließlich Goldeinlagen und Gold-Swaps), 3,6 Mrd. auf Fremdwährungen sowie knapp unter 2 Mrd. auf Sonderziehungsrechte des Internationalen Währungsfonds (IWF). Eine genauere Aufschlüsselung der österreichischen Währungsreserven finden Sie auf der Webseite der OeNB:
www.oenb.at/isaweb/report.do?lang=DE&report=13.1

Zur Beschaffung finanzieller Mittel, die über die Staatseinnahmen hinausgehen, ist zu sagen, dass diese vor allem durch die Ausgabe von Staatsanleihen erfolgt. Gläubiger des Staates sind demnach diejenigen Wirtschaftssubjekte, die dem Staat durch Zeichnung einer Staatsanleihe Geld leihen. Jedenfalls ausgeschlossen ist aber, dass Staaten direkt bei den nationalen Zentralbanken oder der EZB Kredite aufnehmen. Dies wurde durch das im EG-Vertrag festgeschriebene Verbot der „monetären Staatsfinanzierung“ verboten.

Hinsichtlich der Kapitalanteile aller nationalen Zentralbanken an der EZB möchte ich Sie auf die Webseite der EZB verweisen: www.ecb.int/ecb/orga/capital/html/index.de.html

Mit freundlichen Grüßen
Ihr
Ewald Nowotny