Diese Plattform ist ab 12. November 2012 inaktiv. Die Abstimmung für Beiträge ist geschlossen. Bereits veröffentlichte bzw. beantwortete Beiträge stehen jedoch auch weiterhin zur Information zur Verfügung.

Beantwortet
Autor Kurt Wimmer am 17. Februar 2010
11346 Leser · 41 Stimmen (-3 / +38) · 0 Kommentare

Geldpolitik, Zinsen, Inflation

Schuldenabbau durch Hyperinflation

Wie funktioniert eine Schuldenabbau des öffentlichen Haushaltes durch Inflation? Was passiert mit den Schulden der Privathaushalte?

+35

Über diesen Beitrag kann nicht mehr abgestimmt werden, da er bereits beantwortet wurde.

Antwort
von Univ.-Prof. Dr. Ewald Nowotny am 22. April 2010
Univ.-Prof. Dr. Ewald  Nowotny

Sehr geehrter Herr Wimmer!

Staatsschulden weisen meist eine langfristige Zinsbindung auf, d.h. die zu bezahlenden Zinsen sind nicht an eine Preissteigerungsrate gekoppelt. Hohe Inflationsraten „entwerten“ daher die Staatsschulden. Steigt die Inflationsrate an und übersteigt sie die zu bezahlenden Zinsen, so würden die Gläubiger des Staates, die Besitzer von Staatsanleihen, einen Verlust erleiden, im gleichen Ausmaß würde der Staat von Schulden entlastet werden. Angenommen der Staat wäre vorwiegend in ausländischer Währung verschuldet, so würde diese Vorgehensweise natürlich erschwert.

Gleiches gilt prinzipiell auch für Schulden der Privathaushalte. Steigt die Inflationsrate, so profitiert (bei fixem Zinssatz) davon der Schuldner, da die Schuldenlast real gesunken ist. Umgekehrt verhält sich die Situation etwa bei Sparguthaben, da diese durch Inflation an Wert verlieren – der Wert der Forderungen von Sparern und Gläubigern sinkt also in einem inflationären Umfeld.

Eine erhöhte Inflation würde sich somit zwar kurzfristig positiv auf den Schuldenabbau auswirken, es gingen damit aber auch erhebliche Nachteile einher. Die reale Entwertung der Ersparnisse bedeutet nichts anderes als eine willkürliche Umverteilung von Vermögen (von Gläubigern zu Schuldnern). Dies ist nicht nur gesellschaftspolitisch problematisch, sondern auch mit negativen ökonomischen Effekten, beispielsweise einer Lohn-Preis-Spirale, verbunden. Man muss auch in Betracht ziehen, welche Güter sich im Rahmen einer beschleunigten Inflation verteuern. Betrifft die Preissteigerung vor allem Waren des täglichen Gebrauchs, wie etwa Grundnahrungsmittel, so sind gerade jene Haushalte mit niedrigeren Einkommen von der Teuerung betroffen. Hohe Inflationsraten haben somit negative Auswirkungen auf alle gesellschaftlichen Gruppen. Die Öffentlichkeit würde bei hohen Inflationsraten zudem das Vertrauen in die Kaufkraft und Stabilität der Währung verlieren und ihre Inflationserwartungen entsprechend anpassen. Damit würden die Zinssätze kräftig ansteigen, was zu einem deutlichen Anstieg der variabel verzinsten und neu aufgenommenen Kredite führen würde, womit die genannten Vorteile sofort wieder aufgezehrt werden würden.

Stabile Inflationserwartungen sind eine notwendige Voraussetzung einer effizienten Geldpolitik. Fest verankerte Inflationserwartungen ermöglichen es den Menschen ihre ökonomischen Handlungen zu planen und sie bilden daher auch die Basis einer positiven und nachhaltigen wirtschaftlichen Entwicklung.

Daher ist die Sicherung von mittelfristiger Preisstabilität auch das oberste Ziel der Europäischen Zentralbank (EZB). Preisstabilität wird in diesem Zusammenhang als eine Inflationsrate von unter, aber nahe bei 2 Prozent für das gesamte Euro-Währungsgebiet definiert. Die EZB und die nationalen Notenbanken sind in geldpolitischen Entscheidungen vollständig unabhängig. Dadurch wird auch politischen Forderungen nach der Duldung höherer Preissteigerungsraten vorgebeugt. Die EZB hat das Mandat und die Instrumente um Preisstabilität zu gewährleisten und die Inflationserwartungen zu stabilisieren. Die EZB wird das Ziel der Preisstabilität auch weiterhin mit aller Entschlossenheit verfolgen und so einen wichtigen Beitrag zum ökonomischen Wachstum und zur politischen Stabilität Europas leisten.

Die Reduktion der öffentlichen Verschuldung ist eine der wesentlichen wirtschaftspolitischen Aufgaben, der sich die nationalen Regierungen in naher Zukunft werden stellen müssen. Hierbei muss natürlich auch dafür Sorge getragen werden, dass die langsame Erholung der Wirtschaft nicht durch eine zu rasche Einstellung der notwendigen Konjunkturmaßnahmen abgewürgt wird.

Mit freundlichen Grüßen
Ihr
Ewald Nowotny