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Beantwortet
Autor Frank Wendler am 05. März 2010
8009 Leser · 40 Stimmen (-2 / +38) · 0 Kommentare

Geldpolitik, Zinsen, Inflation

Staatsanleihen - die (letzte) und größte Blase aller Zeiten ?

Sehr geehrtes Direktorium,

wie die Vergangenheit gezeigt hat, ist eine wesentliche Ursache für das Entstehen von Finanzblasen der niedrige Zins der Notenbanken.
Jetzt sind die Zinsen sogar auf ein noch nie dagewesenes Tief gefallen (US-Zins bei 0%!) Es ist somit höchstwahrscheinlich, dass soeben mit Billigung der US-Notenbank, die nächste und größte Blase im Entstehen ist.
Wie kann es denn sonst sein, dass die Staaten, die eine noch nie dagewesene Verschuldung haben, so niedrige Zinsen wie noch nie für Ihre Staatsschulden bezahlen müssen?

Für einen Kreditnehmer hingegen ist der Zins, den er bei seiner Bank bezahlen muss, deutlich höher wenn er eine schlechte Bonität hat und dazu noch verschuldet ist.

Staaten hingegen, die heutzutage so hoch wie noch nie verschuldet sind und jeder Bürger darüber höchst besorgt und wirklich verängstigt ist, zahlen aber so niedrige Zinsen wie noch nie für ihre Staatsschulden.

Entsteht nicht gerade durch die US-Notenbank die größte Blase aller Zeiten (die Staatsanleihenblase) und was passiert, wenn diese dann auch auch platzt ?
Davor warnen bereits nämlich eindringlich viele renomierte Finanzexperten - genauso wie damals vor dem platzen der US-Immobilienblase.

Vielen Dank für Ihre ausführliche Antwort

Mit freundlichen Grüßen

F.Wendler aus Salzburg

+36

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Antwort
von Univ.-Prof. Dr. Ewald Nowotny am 25. März 2010
Univ.-Prof. Dr. Ewald  Nowotny

Sehr geehrter Herr Wendler!

Grundlegend ist feszuhalten, dass die im Jahr 2008 ausgebrochene (und bis heute andauernde) Wirtschaftskrise mit Sicherheit den größten wirtschaftlichen Einbruch seit den 1930er Jahren bzw. seit dem Zweiten Weltkrieg darstellt. Politik, Wirtschaft und Notenbanken haben aber aus der Geschichte gelernt und auf die Krise richtig reagiert. In den 1930er Jahren dachten die Politiker, man könne der Krise mit Sparpaketen und Wirtschaftsprotektionismus Herr werden und verstärkten mit diesen Maßnahmen den Abschwung noch zusätzlich. Ein wesentliches Problem der gegenwärtigen Krise war ein ungeheurer Vertrauensverlust, der durch die Lehman-Pleite noch verstärkt wurde. In weiterer Folge führte dieser Vertrauensverlust zu einem Austrocknen des Geldmarktes. Diese Tatsache veranlasste die Notenbanken den Austrocknungserscheinungen auf den Märkten mittels Liquiditätszufuhren entgegen zu treten. Zusätzlich wurden die Zinsen gesenkt, um die Finanzierungsbedingungen für Unternehmen und private Haushalte aufrecht zu erhalten und die Kreditvergabe an die Realwirtschaft zu stabilisieren. Die Gefahr einer Kreditklemme konnte so weitgehend minimiert werden. In diesem Kontext möchte ich auch erwähnen, dass die Zinssenkungen der Europäischen Zentralbank (EZB) gerade in Österreich, im Vergleich zu änderen Ländern des Euroraums, besonders schnell weitergegeben wurden und zu Zinsvorteilen bei Privatkrediten geführt haben.

Auch die Fiskalpolitik hat der Wirtschaft, durch eine Ausweitung der Staatshaushalte und entsprechende öffentliche Investitionen, wichtige Impulse gegeben. All diese Maßnahmen der Fiskal- und Geldpolitik haben sowohl in Österreich als auch weltweit dazu beigetragen, die Auswirkungen der Krise abzumildern. Sie waren also notwendig und richtig.

Generell ist festzuhalten, dass die Verschuldung von Staaten nicht direkt mit jener von privaten Haushalten zu vergleichen ist. Für Staaten ist nicht nur der Zinssatz der Schuld relevant, sondern vor allem auch die Wachstumsrate der Volkswirtschaft. Übersteigt die Wachstumsrate den Zinssatz, so können die zusätzlichen Zinsen aus den zusätzlichen Einkommen bezahlt werden. Die Schuldenaufnahme des öffentlichen Sektors dient eben dazu, die Wirtschaftsentwicklung zu stabilisieren und ist unumgänglich um die Auswirkungen der Krise zu begrenzen. Darüber hinaus erhöhen sich bei einer entsprechenden positiven Wachstumsrate auch die Steuereinnahmen des Staates, wodurch die Zins- bzw. Schuldenlast ebenfalls leichter bewältigt werden kann. Letztlich möchte ich in diesem Zusammenhang noch darauf hinweisen, dass selbstverständlich auch für Staaten eine Art Bonitätsprüfung durchgeführt wird. Ein Staat, dessen Risiko als hoch angesehen wird, muss höhere Risikoaufschläge bezahlen, die Kreditaufnahme über Staatsanleihen wird dadurch verteuert – somit fungiert der Markt in diesem Fall als Regulativ. Dennoch muss man auch sehen, dass das Risiko eines Staatsbankrotts doch als ungleich geringer angesehen werden kann, als jenes Risiko, dass ein Privatkredit uneinbringlich wird.

Die Gefahr einer Blasenbildung ist für den Euroraum derzeit nicht gegeben. Meines Erachtens sind hier eher die so genannten “Emerging Economies”, in die während der Krise große Mengen Kapital geflossen sind, gefährdet. Auch auf einigen Rohstoffmärkten, auf denen ja mitunter auch spekuliert wird, besteht diese Gefahr. Es ist grundsätzlich über Wege zu diskutieren, wie in Zukunft Blasenbildungen verhindert werden können. Man muss die entsprechenden Märkte genau beobachten und ein Instrumentarium schaffen, mit dem gezielt Übertreibungen auf gewissen Märkten entgegen gewirkt werden kann.

Möglichkeiten, Blasen zu verhindern, sehe ich in einer Veränderung des regulatorischen Rahmens, beispielsweise ist hier die Erhöhung der Eigenkapitalquoten bei Banken zu nennen. Dies würde dazu beitragen, dass weniger Kapital als “Spielgeld” für Spekulationen zur Verfügung stünde, wodurch die Gefahr von Blasenbildungen minimiert würde. Gleichzeitig ist zu sagen, dass sich dies aber auch auf die Kreditvergabe der Banken auswirken würde. Banken würden dann bei der Kreditvergabe höhere Sicherheiten einfordern, um ihre eigenen Risiken zu mindern. Dies kann Privatkredite verteuern und so die rasche Weitergabe von Zinsvorteilen, die wir in Österreich eindeutig beobachten konnten, konterkarieren. Andererseits kann so jedoch auch verhindert werden, dass Kredite an Schuldner vergeben werden, die sich diese Kredite eigentlich nicht leisten können. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass ein Mehr an Stabilität und Sicherheit nicht gratis ist, sondern einen Preis hat.

Lassen Sie mich noch kurz auf die Maßnahmen, die von der EZB während der Krise ergriffen wurden, eingehen. Das primäre Ziel der EZB ist die Sicherung von Preisstabilität, wobei Preisstabilität als eine mittelfristige Inflationsrate von unter, aber nahe bei 2 Prozent definiert wird. Die konsequente Verfolgung dieses Ziels trägt maßgeblich dazu bei eine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung sicherzustellen. Die eingangs erwähnten Liquiditätszufuhren an den Bankensektor müssen daher auch langsam wieder rückgeführt werden. Der Ausstieg aus der Vergabe von längerfristigen Krediten an den Bankensektor hat bereits begonnen, kurzfristige Kredite stehen weiterhin zur Verfügung. Die Rücknahme der “unkonventionellen Maßnahmen” kann nur mit großer Vorsicht und graduell erfolgen, denn die Wirtschaftskrise ist in Europa noch nicht überwunden. Auch eine zu frühe Erhöhung der Leitzinssätze würde negative Effekte für das Wirtschaftswachstum begünstigen. Das derzeitige Niveau der Leitzinsen ist daher angemessen. Die EZB beobachtet jedoch sämtliche wirtschaftliche Entwicklungen genau und wird zu gegebenem Zeitpunkt die richtigen geldpolitischen Maßnahmen setzen.

Abschließend ist noch einmal festzuhalten, dass es, um Krisen und Blasen in Zukunft zu verhindern, auch notwendig ist, für Stabilität und Sicherheit auf den Finanzmärkten zu sorgen, ein Ziel, das das Eurosystem und damit auch die OeNB mit aller Entschlossenheit verfolgen. Wichtig ist jedoch, dass gleichzeitig nicht in das Extrem der Überregulierung verfallen wird. Es ist jedenfalls klar, dass wir die Gefahr einer Wiederholung der jetzigen Krise unter allen Umständen minimieren müssen und darin ist auch die Verhinderung von Blasen eingeschlossen.

Mit freundlichen Grüßen,

Ihr
Ewald Nowotny