Diese Plattform ist ab 12. November 2012 inaktiv. Die Abstimmung für Beiträge ist geschlossen. Bereits veröffentlichte bzw. beantwortete Beiträge stehen jedoch auch weiterhin zur Information zur Verfügung.

Beantwortet
Autor Günter TIMAL am 06. Juni 2012
13223 Leser · 26 Stimmen (-0 / +26) · 0 Kommentare

Sonstige

Staatsschuldenkrisen im Vergleich

Sehr geehrtes Direktorium der Österreichischen Nationalbank,

gerne würde ich ihre Meinung zu folgendem Thema wissen.

Im Euroraum und auch in Österreich wird heftigst über Staatsschulden und Stabilitätspakte diskutiert. Die Staatsschuldenquote beträgt in Österreich für 2012 vorläufig 74,2%, in der Eurozone 91,8% und in den USA bereits 108,9% vom Bruttoinlandsprodukt.
Während man im Euroraum über diese Zahlen heftigst diskutiert, scheint die deutlich höhere Staatsschuldenquote in den USA noch niemand ernsthaft zu beunruhigen.

Was sind die Gründe dafür, dass man im Euroraum von einer Staatsschuldenkrise spricht, obwohl die Staatsschuldenquote weitaus niedriger ist als in den USA?

Mit freundlichen Grüßen

+26

Über diesen Beitrag kann nicht mehr abgestimmt werden, da er bereits beantwortet wurde.

Antwort
von Univ.-Prof. Dr. Ewald Nowotny am 26. Juli 2012
Univ.-Prof. Dr. Ewald  Nowotny

Sehr geehrter Herr Timal!

Wie Sie richtig darstellen, ist in den USA zweifellos eine Verschuldungs-problematik gegeben. Auch wenn sich die Debatte nicht so zugespitzt hat wie in Europa, so hat die Rückstufung der USA durch die Ratingagentur Standard & Poor‘s (von AAA auf AA+) gezeigt, dass die Finanzmärkte sehr wohl über die Entwicklung der US-amerikanischen Staatsverschuldung besorgt sind.

Die weitaus dramatischere Wahrnehmung der Situation des Euroraums durch Finanzmärkte und Medien hängt mit den politischen und institutionellen Gegebenheiten des Euroraums zusammen. Denn während die USA ein Währungsgebiet mit bundesweiter Fiskalpolitik sind, so ist der Euroraum durch die einzigartige Situation einer gemeinschaftlichen Geldpolitik mit national-staatlicher Fiskalpolitik gekennzeichnet. Diese Konstruktion wurde mit dem Stabilitäts- und Wachstumspakt abgesichert. Dieser sollte der Verschuldung enge Grenzen setzen. Es hat sich aber gezeigt, dass dieses Regelwerk verbessert und Verstöße entsprechend sanktioniert werden müssen. Der kürzlich beschlossene Fiskalpakt ist hier ein bedeutender Schritt in die richtige Richtung, denn die Euro-Länder müssen zu einer stärkeren Zusammenarbeit im Bereich der Wirtschaftspolitik finden.

Ein weiterer Grund, warum die öffentliche Verschuldung der USA weniger stark thematisiert wird, liegt bei deren — im Vergleich zum Euroraum — höheren Wachstumsraten und der hohen Wettbewerbsfähigkeit der amerikanischen Wirtschaft. Wirtschaftswachstum ist ein entscheidender Faktor für die Rückführbarkeit der Staatsverschuldung, wie ich bereits hier http://www.direktzu.at/oenb/messages/us-schulden-bis-zum-... ausgeführt habe. Für die Länder des Euroraums ist daher auch der Schluss zu ziehen, dass es neben einer konsequenten Sparpolitik auch Wachstumsanreize bedarf. Dies wurde auch beim letzten Europäischen Rat im Juni 2012 beschlossen.

Mit freundlichen Grüßen

Ewald Nowotny