Diese Plattform ist ab 12. November 2012 inaktiv. Die Abstimmung für Beiträge ist geschlossen. Bereits veröffentlichte bzw. beantwortete Beiträge stehen jedoch auch weiterhin zur Information zur Verfügung.

Beantwortet
Autor Martin Baumgardt am 24. November 2011
11268 Leser · 46 Stimmen (-0 / +46) · 2 Kommentare

Finanzmarktstabilität & Bankenaufsicht

Vollgeld - eine Lösung des Problems?

Sehr geehrte Damen und Herren,

das Thema »Vollgeld« ist inzwischen nicht nur an den Universitäten diskutierter Begriff.

Die Geldschöpfungsfähigkeit der Geschäftsbanken hat sich weltweit zu einem wesentlichen Krisenfaktor entwickelt. Dieses Privileg sollte statt dessen der Zentralbank überantwortet werden, fordern Geldreformer: Das wäre besser für die Wirtschaft und lukrativ für den Staat.

Das bedeutet: Die Umwandlung von Sichtguthaben in Vollgeld!
Selbst Hans Eichel hat die Rückkehr zum Vollgeldsystem gefordert. Das bedeutet : Die Geldschöpfung von den Banken auf den Staat (die Zentralbank) zurückzuführen. Es ist doch Wahnsinn, das der Staat den Privatbanken erlaubt, Geld aus dem nichts zu schöpfen und es anschliessend gegen Zinsen an den Staat zu verleihen. Diese Zinsen muss der Bürger dann erarbeiten.

Wer ist den der Hüter der Währung? Die Bank oder der Staat?

Sinnvoller wäre es, die Zentralbank würde so viel Geld schöpfen, wie die Wirtschaft wächst und dieses Geld dem Staat ohne Zinsen zur Verfügung stellen. Das Hans Eichel sich offen dafür ausspricht kommt doch einer echten Sensation gleich.

Warum wird in den europäischen Nationalbanken nicht über dieses System gesprochen? Was spricht dagegen?

+46

Über diesen Beitrag kann nicht mehr abgestimmt werden, da er bereits beantwortet wurde.

Antwort
von Univ.-Prof. Dr. Ewald Nowotny am 15. Dezember 2011
Univ.-Prof. Dr. Ewald  Nowotny

Sehr geehrter Herr Baumgardt!

Ich habe bereits vielfach zu Anfragen wie der Ihren Stellung genommen und möchte daher nicht erneut die Details des Geldschöpfungsprozesses erläutern. Die diversen Antworten zu diesem Thema können Sie unter folgenden Links einsehen:

http://tinyurl.com/7orakox

http://www.direktzu.at/oenb/messages/24828

http://www.direktzu.at/oenb/messages/30951

http://www.direktzu.at/oenb/messages/24905

http://www.direktzu.at/oenb/messages/28555

http://www.direktzu.at/oenb/messages/29525

http://www.direktzu.at/oenb/messages/30194

Ich darf aber dennoch darauf hinweisen, dass das Monopol der Schöpfung von Zentralbankgeld im Euroraum selbstverständlich bei der Europäischen Zentralbank (EZB, www.ecb.int) liegt.

Geschäftsbanken können lediglich Giralgeld schöpfen und auch das nur, sofern sie die von der Zentralbank verlangten Mindestreserveanforderungen erfüllen, d.h. über entsprechende Guthaben bei der Zentralbank verfügen. Außerdem muss eine Bank, die durch Kreditvergabe Giralgeld schöpfen möchte, natürlich auch über die entsprechenden Mittel – beispielsweise Einlagen ihrer Kunden – verfügen. Ich halte also erneut fest: Banken können Geld nicht völlig „aus der Luft“ schöpfen.

Des Weiteren möchte ich noch darauf hinweisen, dass Staatsanleihen nicht ausschließlich von Banken gekauft werden. Österreichische Staatsanleihen sind beispielsweise zu etwa 10 Prozent im Besitz österreichischer Banken, der Großteil der österreichischen Bundesanleihen verteilt sich auf andere Anleger im In- und Ausland (Pensionsfonds, Versicherungen etc.), die für ihre Kunden auch entsprechende Erträge erwirtschaften wollen.

Hinsichtlich Ihres Vorschlags, die Zentralbank möge dem Staat direkt Geld zur Verfügung stellen, möchte ich an das gültige Verbot der monetären Staatsfinanzierung erinnern, das eine direkte Finanzierung der Staatsausgaben durch die Zentralbank verbietet.

(siehe hierzu im Detail: http://www.direktzu.at/oenb/messages/wie-kann-sich-ein-st...)

Des Weiteren gebe ich zu bedenken, dass sich die Zentralbank gemäß Ihrem Vorschlag, das Geldmengenwachstum direkt an die Wachstumsrate zu koppeln, ihrer Steuerungsmöglichkeiten berauben würde. Denn in Situationen ohne oder mit negativem Wachstum, dürfte die Zentralbank nach Ihrem Modell der Wirtschaft kein zusätzliches Geld zur Verfügung stellen bzw. müsste es ihr sogar entziehen. Diesen Fehler hat man während der Weltwirtschaftskrise in den 1930er Jahren gemacht – die verheerenden Wirkungen dieser Politik sind hinlänglich bekannt.

Die Ursachen der gegenwärtigen Staatsschuldenkrise sind nicht im Geldschöpfungsprozess oder im Zinssystem zu suchen. Die von der Schuldenkrise betroffenen Staaten haben in der Vergangenheit zu hohe Schulden angehäuft. Dafür werden sie nun – nach der großen Krise von 2008/2009, die weltweit zu einer weiteren Ausweitung der Staatschulden gezwungen hat – von den Märkten bestraft. Die Probleme, die sich daraus für die weitere Finanzierung der Staatshaushalte ergeben, müssen daher auch primär durch die Umsetzung von entsprechenden Sparmaßnahmen gelöst werden.

Mit freundlichen Grüßen

Ewald Nowotny

Kommentare (2)Öffnen