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Beantwortet
Autor Frank Wendler am 17. Mai 2010
9938 Leser · 18 Stimmen (-3 / +15) · 0 Kommentare

Geldpolitik, Zinsen, Inflation

Wie hoch wird jetzt die Inflation ?

Sehr geehrtes Direktorium der Öesterreichischen Nationalbank,

die europäische Notenbank hatte am Montag mit dem Kauf von Anleihen hoch verschuldeter Euro-Staaten begonnen. Um die Staatsschulden zu decken, druckt die EZB Geld, mit dem sie die Anleihen bezahlt. "Das ist langfristig der Einstieg in eine höhere Inflation", sagte Bankenprofessor Wolfgang Gerke.

Solche Äußerungen nach dem unglaublichen Tabubruch der EZB hört man nun jetzt von sehr vielen und sehr renomierten Wirtschafts-und Finanzexperten und es ist anzunehmen, dass diese Leute eher die Wahrheit sagen, als von offizieller Seite der Regierung immer wieder bekundet wird.

1. Wie hoch schätzt die ÖNB die Inflation kurzfristig in den nächsten 1-2 Jahren ein, die wahrscheinlich noch verhältnismäßig moderat bleiben wird, aufgrund der äußerst schwachen Kapazitätsauslastung und der hohen Arbeitslosigkeit (prognostizierte Inflationsbandbreite in Prozent)?

2. Wie hoch schätzt die ÖNB ganz besonders die Inflation mittel bis langfristig auf Sicht der nächsten 3-8 Jahre ein (prognostizierte Inflationsbandbreite in Prozent)?

3. Sollte mittelfristig bis langfristig die Inflation doch deutlich in Richtung 5% steigen und auf diesem Niveau einige Jahre verharren, wie auch Finanzexperten und Chefvolkswirte dt.Banken in diesen Tagen prognostizieren, wird dann die Notenbank mit Anhebung der Leitzinsen alles unternehmen, damit die Bevölkerung keinen Wertverlust ihrer Sparvermögen erleidet ? z.B. Inflationsrate von 4% bedarf einen EZB-Leitzins von mind. 5,25%, damit nach Abzug der 25% KEST durch den Staat die Bürger noch knapp 4% Ertrag haben und damit real wenigstens so gut wie kein Wertverlust der Sparvermögen eintritt und das Kapital erhalten bleibt? (5,25% minus 25% KEST = 3,94%)

Ich freue mich über Ihre Antwort und verbleibe mit freundlichen Grüßen
F.Wendler

+12

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Antwort
von Univ.-Prof. Dr. Ewald Nowotny am 21. Juni 2010
Univ.-Prof. Dr. Ewald  Nowotny

Sehr geehrter Herr Wendler!

Wie von Ihnen richtig bemerkt, gibt es seit 10. Mai 2010 ein Anleihenkaufprogramm des Eurosystems - das Programm für die Wertpapiermärkte bzw. Securities Markets Programme - über welches sowohl Staats- als auch Unternehmensanleihen vom Eurosystem angekauft werden können. Nicht richtig ist jedoch, dass Staatsanleihen zum Zweck der Staatsfinanzierung erworben werden. Hier haben Sie ein wichtiges Detail übersehen: Das Eurosystem kauft Staatsanleihen nicht am Primärmarkt (also dem Markt für die erstmalige Ausgabe von Wertpapieren und deren Verkauf an Investoren), sondern ausschließlich auf dem Sekundärmarkt (also dem Markt für den Handel von im Umlauf befindlichen Wertpapieren). Auf die Begebung von Staatsanleihen hat dieses Programm somit keine direkte Auswirkung.

Das Securities Markets Programme wurde geschaffen, um die Tiefe und die Liquidität jener dysfunktionalen - also nicht optimal funktionierenden - Marktsegmente sicherzustellen, die von den Turbulenzen rund um die Liquiditätskrise Griechenlands betroffen waren. Überdies ist dazu zu bemerken, dass dieses Programm rein geldpolitischen Zielen dient. Bitte beachten Sie des Weiteren, dass die Ankäufe zwar die Bilanz des Eurosystems verlängern, aber nicht als Liquidität auf dem Markt bleiben, da sie in wöchentlichen Auktionen wieder neutralisiert werden; d.h. die durch die Käufe geschaffene Liquidität wird rasch wieder absorbiert. Auf die Geldmenge hat das Ankaufsprogramm keinen Einfluss.

Wie Sie wissen, ist das oberste Ziel der Europäischen Zentralbank (EZB) die Sicherung von Preisstabilität, wobei Preisstabilität als Inflationsrate von unter, aber nahe bei 2% definiert wird (gemessen am Harmonisierten Verbraucherpreisindex, HVPI). Derzeit beläuft sich die Inflation in Österreich auf 1,7% (Mai 2010). Ohne die kurzfristig stark schwankenden Energiepreise beträgt die Preissteigerungsrate im Mai nur 1,0%. Gemäß der aktuellen gesamtwirtschaftlichen Prognose erwartet die OeNB bis 2012 keine wesentliche Veränderung der HVPI-Inflationsraten: In den Jahren 2010 und 2011 soll sie im Durchschnitt weiterhin bei 1,7% liegen. 2012 steigt der Prognosewert für die Teuerung geringfügig auf 1,8% an. Diese Prognose basiert auf der Annahme, dass die Rohölpreise auf ihrem derzeit relativ hohen Niveau bleiben. Die Kerninflationsrate ohne die kurzfristig volatile Energiekomponente liegt im gesamten Zeitraum bis 2012 deutlich unter der Gesamtinflationsrate.

Die EZB als unabhängigste Zentralbank der Welt hat den klaren gesetzlichen Auftrag und die notwendigen Instrumente, um für Preisstabilität im Euro-Währungsgebiet zu sorgen. Seit Einführung des Euro im Jahr 1999 lag die Inflationsrate im Euroraum im Durchschnitt knapp unter 2%.

Die Inflationserwartungen der Bevölkerung sind unverändert fest verankert. Dies lässt sich zum Beispiel an zwei Indikatoren ablesen: Zum einen zeigen Finanzmarktinstrumente, wie indexierte, etwa an den Verbraucherpreisindex gekoppelte Anleihen, eindeutig, dass auch die Finanzmärkte davon ausgehen, dass die Inflationsrate im Euroraum mittel- bis langfristig unter aber nahe bei 2% bleiben wird. Auch die von Ihnen angeführten Finanzexperten und Chefvolkswirte, die im Rahmen des Survey of Professional Forecasters einmal im Quartal zu ihren Inflationserwartungen befragt werden (siehe dazu www.ecb.int) gaben bei der letzten Umfrage an, dass die Inflationsrate für 2014 im Durchschnitt 1,9% betragen wird - d.h. auch für sie ist das Eurosystem weiterhin glaubwürdig.

Zu ihrer letzten Frage möchte ich bemerken, dass der Leitzins nicht dazu dient, Sparer vor realen Wertverlusten durch Inflation zu schützen, sondern dazu, dass Inflation erst gar nicht entsteht. Eine wie in Ihrem Beispiel angeführte Inflationsrate von 4% liegt über dem mittelfristigen Preisstabilitätsziel des Eurosystems und würde selbstverständlich als zu hoch angesehen werden.

Ich kann Ihnen daher versichern, dass die EZB sämtliche Entwicklungen genauestens beobachtet und auf etwaige Gefahren für die Preisstabilität - seien sie inflationärer oder deflationärer Natur - rasch und mit den angemessenen Schritten reagieren wird.

Die regelmäßig veröffentlichten Prognosen der OeNB finden Sie unter: www.oenb.at
die aktuellste OeNB-Prognose: www.oenb.at/de/img/prognose_gewi2_10__tcm14-195036.pdf
die aktuellen Projektionen der EZB für den Euroraum: www.ecb.int/pub/pdf/other/eurosystemstaffprojections20100...

Mit freundlichen Grüßen

Ewald Nowotny